"BRIGITTE.DE" - 03/05/2005
Text: Anna M. Lofken
Fotos: Gregor Lengler
Sehnsuchtsziel Chios
Mal wieder nach Griechenland fahren, auf eine ruhige Insel.
In Tavernen hocken, aufs Mittelmeer schauen und bloß nicht so viele Pläne
machen. Das wünschte sich BRIGITTE-Redakteurin Anna M. Löfken und fand ihr
Sehnsuchtsziel.
Es gibt Momente im Leben, die sollten niemals enden.Meist sind es
Momente ohne Paukenschlag und großartige Dramaturgie, eher schlichte, stille.
Ihren Zauber kann man schlecht auf Fotos oder auf Videos festhalten, denn zum
Zauber gehören auch der Geruch, der Geschmack, eine besondere Stimmung. Diese
Momente sollten sich einfach nur ins Gedächtnis einbrennen, für immer und ewig.
Unser Mittagessen in der Taverne "Asteri" im Bergdorf Avgónima ist so ein
Baustein für die Erinnerung.
Hoch über dem Meer schwebt dieses Sterne-Lokal,
schenkt seinen Besuchern einen Traumblick auf ein weites Blau, wo Himmel und
Wasser zu verschmelzen scheinen. Auf dem Tisch ein kleines Büfett:
Auberginen-Auflauf und Schafkäse, gebratenes Zicklein, Fleischbällchen mit
frischen Kräutern, Tsatsiki und Dolmadakia, gefüllte Weinblätter, eine
Spezialität der Hausherrin Maria Kostalos. Giorgos, unser Wanderführer, bricht
das Brot und verteilt es, an Gregor und Thomas, an Lisa und mich, als seien wir
eine Familie und keine zufällig zusammengewürfelte Wandergruppe.
So gut geht
es uns überall hier auf Chios. Ich glaube, die Griechen besitzen ein spezielles
Verwöhn-Gen. Und sie sind Meister der offenen Arme. Ich habe in meinem Leben
noch nie so viele Menschen in nur einer Woche kennen gelernt wie auf dieser
Insel in der nordöstlichen Ägäis, nur eine Flugstunde von Athen entfernt. "Heute wird ein heißer Tag", sagt Dimitris unser Gastgeber beim Frühstück und
zeigt auf die Schwalben, die flügellahm auf Kabelleitungen im Schatten eines
Maulbeerbaumes hocken. Wir bleiben auch hocken, unterm Weinlaub auf dem kleinen
Platz vor den restaurierten Steinhäusern, obwohl wir laut unserem Ferienplan
schon längst auf dem Weg in den Norden der Insel sein sollten; wir bleiben, weil
es hier so entspannt schön ist, weil unser Wanderführer noch nicht da ist, weil
wir einfach ins Plaudern kommen. 12 Uhr mittags. Zeit für unseren Inselchronisten Antonis, nach Hause
zu gehen. Essen und dann die "weiße Nacht" genießen, so nennt man in
Griechenland auch die Siesta-Stunden, die so zwingend einzuhalten sind wie die
"volta", der allabendliche Spaziergang durchs Dorf oder an der Uferpromenade
entlang. Wir haben uns noch nicht an den griechischen Rhythmus gewöhnt. Anstatt
auszuruhen, kurven wir etwas ziellos durch die Gegend, kreisen um Berge, an
denen Kiefern hochkrabbeln, halten am Giosónas-Strand und suchen Schatten unter
Tamarisken oder werfen Kieselsteine in das junikühle Meer. Weit und breit kein
Mensch. Abends sind wir knallmüde, liegen gegen 22 Uhr im Bett und hören, wie
sich unsere Nachbarn zum Essen verabreden, so gegen 23 Uhr, unten auf der
Platía. Das wahre Leben beginnt nämlich eigentlich auch hier erst nach Anbruch
der Dunkelheit. Fenchel, Thymian, Oregano duften am Wegesrand, der Ginster leuchtet, und
Granatapfelbäume tragen orangerote Blüten. Wir sind mit Giorgos unterwegs, dem
Geschäftsmann und Investoren im Bergnest Avgónima (elf Einwohner). Dort werden
die verfallenen Natursteinhäuser wieder herausgeputzt und an ruhesuchende
Athener und andere Stadtflüchtige vermieten.
Doch am liebsten zieht er die
Wanderschuhe an. Heute geht er mit uns ins Kambiá-Tal bei Viki, ganz im
gebirgigen Norden der Insel. Ein wunderschöner Weg, hinunter zum Meer, meist
entlang eines kleinen Flusses, vorbei an Mandelbäumen und Oleanderbüschen,
Olivenbäumen und Orchideen in allen Pastelltönen, vorbei an verfallenen Mauern,
von Kapern umrankt. Giorgos wird uns in den nächsten Tagen auch über breite
Steinwege aus byzantinischer Zeit zum Badestrand in Lithi an die Westküste
führen. Oder auch in die Berge, zu den Klöstern Nea Moni und Agii Pateres. Hier begrüßt uns Vater Ambrosius. "Kirche muss ein Teil des Lebens sein",
sagt der 46-jährige Mönch und streicht über seinen langen Bart. Mit Bedauern
verfolge er die Kirchenaustritte in Deutschland. Unvorstellbar in Griechenland.
98 Prozent der Griechen gehören der griechisch-orthodoxen Kirche an. Es ist
immer noch selbstverständlich, dass die Kinder getauft und die Brautleute
kirchlich getraut werden. Und gegen jede Art von Alltagssorgen werden
Heerscharen von Heiligen, Engeln, Serafim und Cherubim angefleht.
Wie jedes Jahr hat Jorgos seine "Kantina", einen Imbisswagen, seit Mitte Juni
oberhalb des Mavra-Volia-Strandes hingestellt, ganz in der Nähe von Embório, im
Süden der Insel. Wenn er nicht gerade Limonade, Eis und heiße Würstchen
verkauft, kümmert er sich um seine 1000 Mastixbäume bei Pyrgi. Bald, im Juli,
werden ihre knorrigen Stämme zum ersten Mal angeritzt, damit das Harz, die
"weißen Tränen" von Chios, herausfließen können. Diese Tränen sind teuer. Und
einzigartig. Nur hier, im Süden von Chios, wachsen immergrüne Mastixbäume, die
das wertvolle Naturharz absondern. Seit Jahrhunderten.
Mastix war ein
beliebtes Luxusgut. In der Antike linderte es Magenbeschwerden und verhinderte
Impotenz, diente als Kaugummi und zur Zahnpflege. Heute wird das Harz gebraucht
für Kosmetika und Gewürzmischungen, auch als Zusatzstoff in Flugzeugreifen. Nach
der Ernte, von Anfang September bis Ende Oktober, sieht man in den Mastixdörfern
Pyrgi, Mestá und Olympia die Frauen vor ihren Haustüren sitzen. Sie säubern das
Harz mit der Pinzette von Rindenresten oder eingewachsenen Insekten. Zehn Bäume
bringen etwa ein Kilo, dafür bekommen sie rund 90 Euro.
Wir haben inzwischen dazugelernt. Wir werden jetzt nicht nach Pyrgi hetzen,
um die schwarz-weiße Kratzputztechnik an den Häusern anzuschauen. Wir werden
hier schön sitzen bleiben, im Halbschatten einen leichten, kühlen Weißwein
bestellen, den Tag an uns vorbeigleiten lassen, dem Popen zusehen, wie er von
Jugendlichen per Handkuss begrüßt wird, den Katzen zuschauen, die um die Tische
streichen. Irgendwann werden wir dann aufstehen, in unser zauberhaftes "Hotel
Perleas" inmitten eines Zitronenhains im Kámbos fahren. Ich werde mich auf mein
Himmelbett ausstrecken, vielleicht lesen, vielleicht schlummern, dem fernen
Hundegebell zuhören. Natürlich werden wir irgendwann wieder einen Plan für den
morgigen Tag machen: Vielleicht ein wenig bummeln? In Chios-Stadt, an der
Hafenmole entlang, wo nette Bars und Designer-Cafés mit lauter Musik um Gäste
buhlen. Oder baden gehen? Am Vroulidia-Strand an der Südspitze der Insel,
unzählige Stufen hinuntersteigen bis zum hellen Sand, am Meeressaum
entlanglaufen und warten, bis die Fußspuren irgendwann weggespült
werden.
Aber was soll dieses Planen? Der Tag wird sowieso wieder anders
laufen. Die Götter und ihre Epigonen lieben halt die Überraschungen. Bestimmt
auch besser so.
Reiseservice
Anreise
Mit dem Linienflugzeug z.B. von Hamburg nach Athen
ab 245 Euro oder mit LTU (ab April) von Düsseldorf nach Athen ab 91 Euro für
eine Strecke (www.ltu.de); danach weiter z.B. mit Aegean
Airlines (ca. 1 Std.), ab 100 Euro hin und zurück.
Oder von Piräus mit der
Fähre (8-10 Stunden), ca. 25 Euro eine Fahrt, Schnellfähre (ca. 4 Stunden),
ab 50 Euro pro Fahrt. Fährverbindungen unter www.gtpnet.com.
Mietwagen:
Mittelklasse-Wagen ab 25 Euro pro Tag, Anmietung am Flughafen oder ab Unterkunft
(Chandris-Rent-A-Car, 5.L.Porfira Str., 82100 Chios, Tel./Fax 22710/ 27194)
Telefon Vorwahl für Griechenland 0030
Unterkünfte "Aeriko Rooms" in Karfas an der Ostküste, dem
einzigen kleinen Touristenzentrum der Insel. Nette Zimmer mit Meerblick, Pool,
gemütlicher Aufenthaltsraum. DZ/F ab 50 Euro (Tel. 22710/32336, Fax
32335).
Perleas Mansion, Landhaus mit sehr geschmackvollen Zimmern in
der Kámbos-Region. DZ/F ab 90 Euro (Vitiadou Street, Tel. 22710/32217, Fax
32364)
Spitakia-Traditional Houses, Apartments & Rooms, Unterkünfte in
wunderschönen alten Steinhäusern im Bergnest Avgónima. Ü/F ab 20 Euro/Person
(c/o Giorgos Missetzis, Tel. 22710/81201, Fax 812020, » www.spitakia.gr).
Zorbas
Apartments, in Limnos an der Westküste, großzügige, moderne Räume, vor allem
für Familien geeignet, Strandnähe. Ü/F ab 18 Euro/Person (c/o Yiannis Zorbas,
Tel. 22740/ 21436, Fax 21720).
Pauschal Reisen auf die Insel Chios vermittelt "Lisa Tours" (auch
die oben genannten Unterkünfte). Preise jeweils ohne Flug. Z. B. eine
Botanische Tour vom 28. März bis 6. April mit Führungen. Preis 690 Euro,
inklusive Halbpension. "Griechische Tänze" vom 18. Mai bis 1. Juni in
Volissos/Limnos. Preis ab 700 Euro, inklusive Halbpension, Seminar mit
Live-Musik. Wandertour vom 6. bis 17. Mai. Preis ab 610 Euro,
inklusive Halbpension. Familienreise mit Kinderbetreuung und
Ausflügen/Wanderungen vom 2. bis 14. Juni, 28. August bis 11. September. Preis
ab 510 Euro, erstes Kind 300 Euro, zweites Kind 180 Euro, inklusive Frühstück,
Mietwagen. Individuelle Wander- und Radreisen von Mai bis Oktober ab
zwei Personen (Lisa Tours, Lochhauser Str. 13, 82178 Puchheim, Tel.
089/89009931, Fax 89009932, » www.chios-reisen.de).
Buchtipps Ein hilfreicher Reisebegleiter ist der DuMont-Führer vom
Griechenland-Spezia-listen Klaus Bötig "Lesbos & Chios" (12
Euro). Hintergründe über Gesellschaft und Geschichte vermittelt "Zimt in
der Suppe. Überraschendes Griechenland" (Rotpunktverlag, 19,80 Euro). Ein
besonderer Bildband gegen trübe Gedanken: "Griechische Inseln",
Reise-Impressionen und Aquarelle vom Künstler Hans-Jürgen Gaudeck (Eulen Verlag,
12,90 Euro).
Extratipp Mastixprodukte wie Kaugummi, Likör und Bonbons
sind zu beziehen bei Tikanis, Barystraße 8, 81245 München, Tel. 089/ 88998215,
Fax 83964125, » www.tikanis.de.
Info Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer
Str. 22, 60311 Frankfurt/Main, Tel. 069/2578270, Fax 236576, » www.gnto.gr. Auf Chios: Tourist
Office, 18 Kanaris Street, GR-82100 Chios, Tel. 22710/44389, Fax 44343, » www.chiosnet.gr.
"THE GREEK ISLANDS"
THE ROUGH GUIDE
The west coast
With your own transport, you can proceed 5km west of Nea Moni to AVGONYMA, a cluster of dwellings on a knoll overlooking the coast; the name means "Clutch of Eggs", an apt description when it is viewed from the ridge above.
Since the 1980s, the place has been almost totally restored as a summer haven by descendants of the original villagers, though the permanent population is just seven. A returned Greek-American family runs an excellent, reasonable taverna, O Pyrgos, in an arcaded mansion on the main square; they also rent a few rooms though the classiest accommodation option here is Spitakia, a complex of small restored houses for up to five people
A paved side road continues another 4km north to ANAVATOS, whose empty, dun-coloured dwellings, soaring above pistachio orchards, are almost indistinguishable
"DUMONT"
LESBOS - CHIOS
Die Hauptstraße steigt hinter der Abzweigung zum Kloster Agii Pateres noch etwas an und führt dann durch einen sehr schönen Kiefernwald hinunter zum Dorf Avgonyma. Avgönyma ist ein gutes Beispiel für die positiven Auswirkungen, die Tourismus auf die bereisten Gebiete haben kann. Das Dorf war noch Anfang der 1990er Jahre von seinen ursprünglichen Bewohnern fast völlig verlassen, die Häuser begannen zu verfallen. Dann entdeckten ein paar aus dem Dorf stammende Städter die Schönheit ihrer alten Heimat wieder und begannen, die alten Häuser zu restaurieren.
Schließlich hatten zwei Männer den Mut, andere alte Häuser wieder herzurichten und sie als Ferienhäuser überwiegend griechischen Urlaubern anzubieten. Zur alten Dorftaverne gesellten sich zwei weitere Tavernen hinzu - und heute ist Avgonyma den ganzen Sommer über und sogar an Winterwochenenden voller Leben. Man genießt einen kurzen Bummel durch
die von Naturstein dominierte Architektur, stattet der prunkvollen Georgskirche aus dem Jahr 1885 am Dorfplatz mit ihrer schönen hölzernen Ikonostase einen Besuch ab, wohnt in sauberer Luft umgeben von Wäldern und lässt sich in den drei Dorftavernen die traditionelle chiotische Küche in anheimelnder Atmosphäre schmecken.
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